Leif GW Persson

Eine andere Zeit, ein anderes Leben


(btb-Verlag. München 2006)

Originaltitel: En annan tid, ett annat liv

Piratförlaget. Stockholm 2003





"Andere Länder, andere Sitten", heißt es. Leif Perssons Roman "En annan tid, ett annat liv" aber zeigt eher das Gegenteil: Zumindest in Schweden war und ist die Einstellung Homosexuellen gegenüber nur unwesentlich anders als in Deutschland seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gewiß, die Gesetzgebung des Landes ist zunehmend liberaler geworden. Und homosexuelle Handlungen sind dort zur Zeit ebensowenig strafbar wie in Deutschland, aber zumindest im Polizeiapparat und in den oberen Etagen von Reichskriminalbehörde, Nachrichtendienst und Justiz scheint Homophobie verbreitet und virulent zu sein. Anders ist nicht zu erklären, daß gerade von diesen Institutionen die in der Bevölkerung vorhandene Abneigung gegenüber Homosexuellen instrumentalisiert wird, um ein Verbrechen nicht ahnden zu müssen, das zwar aufgeklärt worden ist, dessen Urheber man aber aus politischen Opportunitätsgründen nicht nachgehen möchte.

Zwar ist der "Schwule" weder Opfer noch Täter, doch wird das Opfer von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ohne Anlaß zum Schwulen "ernannt". Seine Ermordung wird als "typischer Schwulenmord" deklariert. Und im übrigen wird der Ermordete als äußerst unangenehmer Mensch geschildert!!

Dies alles entspringt nicht nur der Phantasie des als inkompetent geschilderten Kriminalbeamten Bäckström, wie man zunächst annehmen könnte, sondern ist konstituierender Teil des Roman-Plots - und hierfür ist der Autor und dessen Haltung zu Homosexualität und Homosexuellen verantwortlich.

Auffällig ist Perssons Freude an abwertenden Wörtern zur Bezeichnung homosexueller Männer - auch wenn er sie Bäckström in den Mund legt*. Und nicht nur Bäckström scheint der schwedischen Version der "Rosa Listen", dem Schwulenregister ("bögregister") der früheren Zeit, nachzutrauern.

Handlung und Ereignisse in Leif Perssons Roman sind fiktiv, nicht aber Hintergründe und Einstellungen:
Für authentisch halte ich nicht nur die schwulenfeindliche Ausrichtung des Buches, sondern auch die darin geschilderte "klammheimliche Freude" der schwedischen Medien und Intellektuellen über das RAF-Attentat 1975 und den Tod westdeutscher Botschaftsangehöriger. Authentisch ist die positive Einstellung in Schweden gegenüber RAF und DDR - vergleichbar den Sympathien tonangebender Kreise dieses Landes für Hitler-Deutschland bis Anfang 1943 (Stalingrad). Und authentisch ist das verbreitete Bedauern über das Ende der DDR.

* so heißt es:
- "Glöm inte att kika extra noga från A till och med Ä, sa Bäckström. Ö kan du strunta i däremot.
-A till Ä, sa Holt frågande.
- Ja, i telefonboken hans. Från analakrobat till ändtarmsartist. Titta noga under B, F, G, H, K, P, R, S och...
- Jag hör vad du säger, avbrött Holt avmätt.
-Som i bög, fikus, gaygubbe, homofil, korvryttare, pederast, rumpnisse, skinkprins, stjärtgosse ... och under V också...V som vaselin..."
(S. 177f.)

Gabriele Haefs übersetzt:
" 'Vergiss nicht, zwischen A und Z besonders genau nachzusehen', sagte Bäckström. 'Das Ö kannst du vergessen'
'Von A bis Z' wiederholte Holt fragend.
'Ja, in seinem Adressbuch. Von Analakrobat bis Zehenficker. Und schau besonders genau nach unter B,F,G,H,M,P,R,S und...'
'Schon verstanden', unterbrach Holt ihn kurz angebunden.
'Wie Bubengrabscher, Fickbubi, Gayboy, Homo, Munkelbruder, Päderast, Rudelbumser, Schwuler und...und dann noch unter V, V wie Vaseline...'" (S. 195)

Ohne Rücksicht auf das von Bäckström vorgegebene Alphabet in der schwedischen Fassung sind die verwendeten Begriffe zu übersetzen:
" 'Vergiß nicht, besonders genau nachzuschlagen von A bis Ä', sagte Bäckström. Auf Ö kannst du dagegen verzichten.'
- 'A bis Ä', fragte Holt.
- ' Ja, in seinem Adressenverzeichnis. Von Analakrobat bis Arschlochkünstler (Enddarmartist). Sieh genau nach unter B,F,G,H,K,P,R,S und...'
- 'Kapiert, unterbrach ihn Holt kühl.
- ' Wie in bög (Schwuler), fikus (geiles schwules Schwein), gaygubbe (alter schwuler Knacker), homofil (Homo), korvryttare (Würstchenreiter/Schwanzreiter), Päderast (Knabenficker), rumpnisse (Schwanzbengel/Schwanzkobold), skinkprins (Arschprinz), stjärtgosse (Arschlochjüngling/Arschlochknabe)... und noch unter V - V wie Vaseline...'"

An anderer Stelle (S. 125 der schwedischen Ausgabe) werden Schwule als "smittspridare" bezeichnet - als Verbreiter von Krankheiten.
© Dr. Gottfried Lorenz, 3.1.2008