Gustl Angstmann

Novizen


Verlag rosa Winkel

1. Auflage: Berlin 1994, 2. Auflage Berlin 1996




Gustl Angstmanns Roman Novizen ist ein sperriges Buch für Menschen, die nicht im katholischen Milieu verwurzelt sind. Sie müssen sich einlesen in das, was einen jungen Mann veranlaßt, einem Mönchsorden beizutreten, sein Gelübde abzulegen oder sein Noviziat aufzugeben und ins weltliche Leben zurückzukehren. Sie müssen sich vertraut machen mit dem Leben in einem Kloster mit dessen festen Regeln, mit Frustrationen, Irritationen und Glaubenszweifeln von Novizen und Mönchen.

Und dennoch: Das Buch ist lesenwert für jeden, der nach dem Sinn des Lebens fragt und Gott sucht, gleichgültig welcher christlichen Denomination er angehört und ob er sich überhaupt als Christ versteht.

Vorangestellt sind dem Roman Verse aus dem letzten Kapitel des Lukasevangeliums (Luk.24 Vers 14-16, 29-31) Der auferstandene Christus erscheint seinen Jüngern in Emmaus. Sie erkennen ihn erst, als er das Brot bricht und es ihnen gibt. Dann entzieht er sich seinen Jüngern.

Die beiden Protagonisten des Romans, Michael Ö. und Thomas K., sind 1965 aus Überzeugung Novizen beim Salesianerorden geworden. Beide beenden ihr Noviziat aus unterschiedlichen Gründen vorzeitig.

Thomas scheitert am Zölibatsgelübde. Er verliebt sich, heiratet, hat zwei Kinder, wird Leiter einer Volkshochschule in einer mittelgroßen Stadt, läßt sich scheiden (vgl. S. 53, 137-140). Er ist in seinem Wohnort in herkömmlichem Sinne praktizierender Katholik. Der Leser begegnet ihm als vom Leben enttäuschten, beruflich nicht ausgefüllten, todkranken Mann.

Thomas' einziger Freund aus der Novizenzeit, Michael, hatte schon vor ihm das Kloster verlassen: Die Ordensleitung hatte ihm wegen seiner unehelichen Geburt verwehrt, Priester werden zu können; und zum Laienbruder hatte er sich nicht berufen gefühlt (S. 157-159).
Michael hatte sein Abitur nachgemacht und studiert, war längere Zeit arbeitslos, hatte sich weiterqualifiziert und war "zweiter Mann der neuen Krebsklinik" im Allgäu geworden (S. 10f.), ist, als der Leser ihm begegnet, stellvertretender Klinikleiter, Leiter der Arbeitstherapie, Diplompädagoge (S. 29) und wird bald Leiter der Aids-Abteilung seiner Klinik sein (S. 55).

Michael ist Atheist geworden, bekennt sich zu seiner Homosexualität und ist u.a. wegen der homosexuellenfeindlichen Haltung der katholischen Kirche aus ihr ausgetreten (S. 110-112).
Kurioserweise hatte er den Tod des Schriftstellers Böll zum Anlaß genommen, sich auch formal von seiner Kirche zu trennen, denn Bölls Homophobie stand derjenigen der katholischen Kirche in nichts nach.

Michael und Thomas hatten sich nach der Novizenzeit aus den Augen verloren. Sie begegnen sich in der Allgäuer Krebsklinik, in der Thomas nach seiner Operation eine Kur macht (S. 28). Michael lädt ihn, der keine Heilungschancen mehr hat, für eine Woche in sein Haus in der Toscana ein (S. 26). Dort sprechen sie über ihre Lebensentwürfe, über die Ereignisse nach dem Noviziat. Vor allem aber tauschen sie sich aus über ihr Verhältnis zum Glauben, zu Gott und Jesus. Ihn finden sie während der Kommunion in einer italienischen Dorfkirche wenige Stunden vor dem Zusammenbruch des sterbenden Thomas: "Es gibt einen Gott...Er hat mich berührt, mich erwählt seit Ewigkeit. Ich darf glauben. Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir, Herr und Gott."

Der Erzähler berichtet aus der Perspektive der Jahre 1986 und 1987 und integriert in seine Erzählungen Episoden aus der Novizenzeit seiner beiden Protagonisten, die gut 20 Jahre zurückliegen (1965 und 1966).

Das Buch ist herausgegeben worden vom "Verlag rosa Winkel", der auf homosexuelle Literatur spezialisiert ist. Es hat zwei Auflagen erlebt - ein Zeichen dafür, daß die Frage nach Gott auch in dem im allgemeinen kirchenfernen oder kirchenfeindlichen homosexuellen Leserkreis auf Interesse stößt.

"Schwules" enthält der Roman wenig: Michael ist in natürlicher und überzeugender Weise schwul. Mitte September 1987 hat er einen "Liebhaber seit wenigen Wochen, zwanzig Jahre jünger, der an ihn geriet auf der Suche nach dem älteren Mann, dem zuverlässigen Freund, vielleicht dem erträumten Vater. Michael wußte, er liebte Fidi nicht, er begehrte ihn, sein helles Lachen wird ihm in Erinnerung bleiben. Du wirst mich in deiner Einöde vergessen und deinen Gast vernaschen, maulte Fidi, und Michael wollte nicht klären, ob er scherzte." Telefonisch erreichen konnte er ihn trotz mehrerer Versuche nicht (vgl. S. 165). Sonderlich zu ärgern scheint dies Michael nicht; denn Michael hätte Thomas gerne als Freund - trotz dessen unheilbaren und binnen kurzem zum Tode führenden Krankheit.
Aber Thomas ist heterosexuell (vgl. S. 87f., 135, 175); er hat Berührungsängste gegenüber Homosexuellen: "Er würde sich nie vor einem Homosexuellen nackt zeigen, auch nicht vor seinem Freund. Er will nicht wissen, warum" (S. 98). - Immerhin läßt dieser Satz den Schluß zu, daß auch Thomas eine homosexuelle Komponente hat.
Dennoch, bei einer derartigen Konstellation scheint eine homoerotische Annäherung zwischen Thomas und Michael kaum vorstellbar, da dieser die Zurückhaltung seines Freundes respektiert.
Der letzte Abend, an dem Thomas' Gesundheitszustand erträglich zu sein scheint, bringt - nach ernstem Gespräch und gutem Wein - die Wende: "Noch die eine Stufe und sie werden sich trennen wie jede Nacht bisher. Jedem sein Schlafzimmer. Michael wagt es nicht Thomas zu berühren. Er würde ihn nicht loslassen wollen, wie damals in ihrer letzten Nacht im Noviziat, aus Angst vor den Folgen ihrer Erregung. Er möchte ihn umarmen, den Mann küssen, seine Begierde spüren. Heute würde er mit Thomas schlafen."
Diesmal kommt ihm Thomas unvermittelt entgegen:

 

"Und Thomas berührt ihn.
Und Thomas küßt ihn."



© Dr. Gottfried Lorenz, 21.1.2008