Felice Picano

Der Köder


Albino Verlag. Berlin 1993 (1. Aufl.), 1996 (2. Aufl.)

Originaltitel: The Lure

Delacorte Press.
New York 1979




Noel Cummings hört einen Hilfeschrei, geht diesem nach und findet einen schlimm zugerichteten Mann, der in seiner Anwesenheit stirbt.
Cummings sucht Hilfe und gerät dabei in eine omonöse Polizeistation, wo man ihn als Mörder verdächtigt und brutal behandelt. Der Chef dieser Station, Loomis, spielt schließlich die Rolle des "good boy" und läßt ihn frei.

Cummings ist Soziologe an einer New Yorker Hochschule in ungesicherter Stellung. Sein Vorgesetzter erwartet von ihm dringend eine neue wissenschaftliche Studie, z.B. über die homosexuelle Subkultur.

In dieser Situation macht Loomis dem jungen Wissenschaftler das Angebot, für eine Sonderermittlungsgruppe der Polizei zu arbeiten, um den brutalen Mörder mehrerer Homosexueller dingfest zu machen: Er solle als Köder für den Mörder in einer Homosexuellenbar der Macho- und Lederszene als Barkeeper arbeiten. Dabei könne er gleichsam "von innen heraus" Material für eine Studie über das homosexuelle Leben in New York sammeln.

Loomis sagt Cummings zu, ihm in Notsituationen zu helfen, doch müsse er sehr vorsichtig sein, um nicht entlarvt zu werden.

Trotz großer Bedenken willigt Cummings ein. er erhält den Decknamen "Lockvogel", kann Loomis über Spezialnummern und mit Hilfe eines Code-Worts anrufen und beginnt seine Arbeit in der Schwulenbar Grip.
Dort erhält er Einblicke in schwules Sexualverhalten. Überdies werden um ihn herum alle möglichen Drogen konsumiert: "Gras", diverse chemische Substanzen, vor allem aber "Koks". Und Cummings beteiligt sich nach und nach an allem, was geschieht, um nicht aufzufallen.

So beginnt Picanos Roman Der Köder, der im weiteren Verlauf zwei Handlungsstränge zu verbinden sucht:
1. den Kriminalfall, d.h. die Aufklärung der Morde an Homosexuellen;
2. das Zusammentragen von Material für die geplante wissenschaftliche Studie.

Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr tritt der zweite Handlungsstrang in den Hintergrund.

Der Kriminalfall nimmt insofern eine überraschende Wendung, als sich herauskristallisiert, daß die polizeiliche Sonderermittlungsgruppe und Loomis die Geschäfte einer ultrarechten mafiösen Gruppierung betreiben, deren Ziel einerseits der Kampf gegen Homosexualität und Homosexuelle ist und die andererseits die Einrichtungen der schwulen Subkultur (Bars, Lokale, Saunen etc.) in die Hand bekommen will, um die Homosexuellen finanziell ausbeuten zu können.

Cummings sollte diesen Zielen in doppelter Hinsicht dienen: Zum einen mit einer wissenschaftlichen Arbeit, die, so neutral sie auch geschrieben worden sein mag, sich gegen die Homosexuellen und ihre Lebensweise verwenden ließ (S. 294f.). Zum anderen versucht der Psychologe Loomis, ihn zu einer lebenden Waffe zu programmieren: Cummings soll den Mann töten, dessen Ziel ist, den Homosexuellen eine "ökonomische/politische Machtbasis" zu schaffen, "die Schwule gegen jene vereinigen würde, von denen sie immer erfolgreich ausgebeutet worden waren: gegen Mafia und Polizei" (S. 309).

Die von Loomis initiierten Morde an Homosexuellen dienten dazu, den außerordentlich reichen Schwulenaktivisten Eric Redfern zu verunsichern und in einen paranoiden Zustand zu versetzen, um ihn in einem geeigneten Augenblick zu töten und auf diese Weise sein Vermögen und die ihm gehörenden Einrichtungen der schwulen Subkultur in die Hände zu bekommen.

Lommis hatte in seinen Plan eine mehrfache Sicherung eingebaut: Sollte Cummings aus irgendeinem Grund versagen, standen zwei weitere Mörder bereit, um Eric Redfern auszuschalten.
Daß Loomis' Plan scheitert und er sich am Ende des Romans selbst in Haft befindet, verdankt er einem seiner Agenten, der ihm auf die Schliche gekommen war. Nach dessen Ermordung übernahm seine Witwe diese Aufgabe: Sie informierte Cummings über alle Zusammenhänge und seine eigene Rolle in Loomis' Plänen.
Die programmierte Mordbereitschaft Cummings richtet sich schließlich gegen den dritten auf Redfern angesetzten Mörder, nachdem der zweite aus dem Polizeikorps von einem Rechtsanwalt hatte ausgeschaltet werden können.

Der Kriminalfall-Handlungsstrang des Romans Der Köder ist trotz zahlreicher Unwahrscheinlichkeiten spannend.

Wer nicht nur unterhalten werden will, wird auch den zweiten Aspekt des Buches interessant finden: die Materialsammlung für Cummings' geplante Studie über das Leben der Homosexuellen in New York.

Da Picanos Buch Ende der 70er Jahre geschrieben worden und 1979 erschienen ist, spielgelt es das schwule Leben vor der Ausbreitzung der Krankheit Aids wider.

Der Leser wird vertraut gemacht mit allen Variationen homosexueller Sexualität und mit der ungeheueren Promiskuität in dieser Bevölkerungsgruppe.
Thematisiert werden weiterhin Schwulenverfolgung und Schwulendiskriminierung (vgl. 202f.), die zu ihrer (bewußten) Ghettoisierung und einer eigenen Schwulenkultur führten (vgl. 227-229) "von unterhalb Christopher Street bis fast zur 30. Straße hinauf", "von der Sechsten Avenue und der Achten Straße zur Christopher Street" (S. 38, 43, 52); "alle cruisen in der Christopher" (S. 52).
Und schließlich wird eingegangen auf die beginnende Selbstorganisation der Schwulen durch schwule Aktivisten (S. 228f.): "Wir verstärken das Gefühl gemeinsamer Identität und gemeinsamer Interessen, so daß Schwule sich nicht mehr als kriminelle Perverse sehen, sondern als eine anerkannte Minderheit. Durch Gesetze und Politik werden wir vorwärtskommen..." (S. 228f.). So war beabsichtigt, mit Hilfe von Lobbyarbeit Antidiskriminierungsgesetze durchzusetzen (S. 249, 255).

(Vgl. zu Cummings' "Material" für seine Studie "Leben unter Homosexuellen" folgende Seiten: 47-55, 58, 60f., 64, 66, 69-77, 82f., 85, 91, 105f., 114, 123, 138-140, 145, 156, 164f., 205-207, 227f., 253, 257-261, 285, 312-314.)

© Dr. Gottfried Lorenz (12.3.2008)