Dr. August Sommerkamp




Er war eine Hamburger und nach seiner Pensionierung eine bundesweite Institution - der aus Dithmarschen stammende Richter Dr. August Detlef Nicolaus Sommerkamp.

Hamburger Zeitungen nannten ihn wegen seiner Prozeßführung und Urteile Papa Gnädig (1). Und über die Hansestadt hinaus wurde er bekannt als Fernsehrichter in den ersten dreiunddreißig Folgen der ARD-Reihe Das Fernsehgericht tagt (2).

Geboren wurde Sommerkamp am 19.2.1891. Während des 1. Weltkriegs brachte er es zum Leutnant der Reserve. Und dem Militär blieb er auch danach treu: er wurde Oberleutnant und Hauptmann und war während des 2. Weltkriegs bis zum 16. März 1945 als Kriegs- bzw. Oberkriegsgerichtsrat tätig.

Nach seinem Jurastudium war Sommerkamp als Assessor in den Hamburger Justizdienst eingetreten und 1926 Richter beim Hamburger Amtsgericht geworden. Seine Ernennung zum Landgerichtsdirektor am 1.11.1940 hatte wegen Sommerkamps militärgerichtlicher Tätigkeit für das Hamburger Justizwesen keine praktische Bedeutung; sie war lediglich politisch und beamtenrechtlich motiviert.

Politisch war Sommerkamp wendig: Unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg gehörte er zum Bahrenfelder Freikorps; 1925 und 1926 war er Mitglied der DVP, von 1927 bis 1932 der linksliberalen Deutschen Staatspartei. Am 1. Mai 1933 trat er mit zahlreichen Kollegen der NSDAP bei.

Im Juli 1945 wurde Sommerkamp von der britischen Militärregierung kurzzeitig interniert und am 11.9.1945 aus dem Amt entlassen. Am 6. Dezember 1946 erfolgte Sommerkamps Einstufung in die Belasteten-Kategorie IVa; gleichzeitig wurde empfohlen, ihn mit 50 % des Ruhegehalts eines Amtsgerichtsrates in den Ruhestand zu versetzen. Wenige Wochen später aber, im Januar 1947, wurde Sommerkamp von den Engländern als Richter wieder zugelassen, wenn auch "nur" im Range eines Amtsgerichtsrats. Seine "Dienstantrittsmeldung" trägt das Datum 29.1.1947.
Am 19.11.1948 stufte der Fachausschuß Justiz im Entnazifizierungsverfahren Sommerkamp als unbelasteten Mitläufer (Kategorie V) ein. Ein knappes Jahr später wurde Sommerkamp zum Amtsgerichtsdirektor ernannt. Diese Position behielt er bis zu seiner Pensionierung am 1.März 1959.

Sommerkamp hatte in den 50er Jahren eine ausgesprochen gute Presse. Zu seinem 65. Geburtstag am 19.2.1956, zum 40. Dienstjubiläum im November 1956, zu Sommerkamps Eintritt in den Ruhestand 1959 und anläßlich seines Todes am 14.12.1972 erschienen ausführliche Artikel, zumeist mit einem Foto versehen (3).

Hervorgehoben werden seine gelassene Verhandlungsführung und sein soziales Engagement im "Hamburgischen Fürsogeverein für entlassene Strafgefangene" (4), vor allem aber die Gründung der "Hamburgischen Gerichtshilfe" im Jahre 1926. Mit deren Hilfe sollten die Gerichte Einblick in die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Angeklagten erhalten, um zu einem angemessenen Urteil zu gelangen. Aus der Hamburgischen Gerichtshilfe entwickelte sich in der NS-Zeit die "Ermittlungshilfe der Strafrechtspflege". Sie aber war ein weiteres Repressionsinstrument im Dienst der Staatsanwaltschaft: Die Berichte der Ermittlungshilfe trugen nicht selten maßgeblich zu einer harten Verurteilung der Angeklagten bei.

Das positive Bild Sommerkamps, das die Presse zeichnet, erhält Kratzer, wenn man seine Rechtsprechung während der Jahre 1935 bis 1937 gegen Männer betrachtet, denen die Staatsanwaltschaft homosexuelle Handlungen und damit Vergehen nach § 175 StGB vorgeworfen hatte: Von 23 untersuchten Urteilen dieser Zeitspanne sind 11 nach damaligen Kriterien insofern als "milde" anzusehen, als die Strafen zwischen 6 Wochen und 6 Monaten Gefängnis lagen. So erhielt im Dezember 1937 der Handlungsgehilfe P.Z., dessen Verlobte hochschwanger war, eine Strafe von 6 Wochen Gefängnis, die überdies zur Bewährung ausgesetzt wurde (6).
In drei Urteilen erkannte Sommerkamp auf 7 bis 9 Monate Gefängnis; 9 Angeklagte aber erhielten Strafen zwischen 12 und 18 Monaten Gefängnis.
Zwei Urteile Sommerkamps des Jahres 1936 wurden im Berufungsverfahren um jeweils 3 Monate herabgesetzt.
Hier war Sommerkamp kein Papa Gnädig. Zweimal bezeichnete er Männer als "hartnäckige Homosexuelle", die es fühlbar zu bestrafen galt (8). Andererseits konnten Männer, die Sommerkamp als "weich" und "feminin" betrachtete oder bei denen er "angeborene Homosexualität" diagnostizierte, insofern mit einem gewissen Entgegenkommen rechnen, als der Richterspruch in der Strafzumessung z.T. erheblich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft lag (9).

Das härteste Urteil, das Sommerkamp fällte, bestrafte 1937 einen Angeklagten mit 18 Monaten Gefängnis. Es war überdies Sommerkamps einziges Urteil, das die Schutz- und Untersuchungshaft von immerhin knapp 3 Monaten nicht auf die Strafe anrechnete (10). Ein solches Urteil wegen geringfügiger homosexueller Handlungen bei einem "Ersttäter" galt auch in der NS-Zeit als ungewöhnlich hoch.
Dieses Urteil wirft insofern kein günstiges Licht auf Sommerkamp und den Staatsanwalt Siemssen, als es aus persönlichen Ressentiments erwachsen zu sein scheint, was möglicherweise auch die Wiederaufnahme des Verfahrens nach dem 2. Weltkrieg verhinderte, als Sommerkamp zum Amtsgerichtsdirektor und Siemssen zum Ersten Staatsanwalt befördert worden waren.
Die Anklage gegen G.P.beruhte allein auf Indizien: Ein Hauswart hatte den Beschuldigten mehrfach zwischen zwei öffentlichen Toiletten hin- und herlaufen sehen, daraus Schlüsse gezogen und ihn denunziert.
Mehrfach vernommen wurde G.P. von dem homophoben Kriminalbeamten Peter Finnern. G.P. widerrief alle Protokolle und Aussagen und beschuldigte Finnern während des Prozesses, seine Aussagen wissentlich mißverstanden zu haben. Finnern sagte daraufhin unter Eid aus, während der Vernehmungen keine Druckmittel angewendet zu haben - "insbesondere auch nicht durch die Inaussichtstellung der Inschutzhaftnahme".
Auf Grund der Weigerung des Angeklagten, Vergehen nach § 175 StGB zu gestehen - das Gericht wertete dies als "hartnäckiges Leugnen" - wird ihm die Schutz- und Untersuchungshaft auf das Strafmaß nicht angerechnet. Die Höhe der erkannten Strafe (18 Monate Gefängnis) sprengt jedes Maß, selbst wenn der Angeklagte die ihm vorgeworfenen Vergehen begangen hätte. Sommerkamp war in diesem Fall ein unbarmherziger Nazirichter, was sich auch darin zeigt, daß G.P. die Strafe in einem Emslandlager (eher Zuchthaus oder KZ als Gefängnis) zu verbüßen hatte - im Gegensatz zu allen anderen homosexuellen Männern, die Sommerkamp verurteilt hatte, die zumeist in Glasmoor inhaftiert waren.
G.P. hat dieses Urteil nie akzeptiert und bis 1960 mehrfach versucht, eine Wiederaufnahme des Verfahrens von 1937 zu erreichen, was Staatsanwaltschaft, Amtsgericht und Landgericht ablehnten. Verwiesen wurde dabei u.a. auf Finnerns Eid, wonach kein Druck auf G.P. ausgeübt worden sei, und daß kein Meineidsverfahren gegen Finnern geführt worden sei.
"Mit Recht hat das Amtsgericht in seinem Beschluß vom 26. März 1960 verneint, in der Kenntnis der polizeilichen Vernehmungsmethoden der damaligen Zeit eine neue Tatsache oder ein neues Beweismittel zu sehen, da diese Kenntnis 1937 und 1950, als der erste Wiederaufnahmeantrag verworfen wurde, kaum weniger bestanden habe als heute." So begründete die 9. Große Strafkammer beim Landgericht Hamburg am 1.4.1960 die Ablehnung der letzten Beschwerde des verurteilten G.P. gegen das Urteil des Papa Gnädig von 1937. Dieser bereitete sich zum Zeitpunkt des Landgerichtsentscheids auf seine Karriere als Fernsehrichter vor.

Anmerkungen:

Zum Lebenslauf Sommerkamps und zu den Presseveröffentlichungen über ihn vgl. Staatsarchiv Hamburg: 241-2: Justizverwaltung- Personalakten: A3236.

1 Vgl. "Hamburger Abendblatt" vom 29.11.1956 (S. 3) im Artikel von Dr, Hildegard Damrow "Sechs Weihnachtskarten und ein Päckchen Lametta"; "Hamburger Abendblatt" vom 28. Februar/1. März 1959 (S.1) "Papa Gnädig" unter der Rubrik "Menschlich gesehen"; "Die Welt" vom 16.12.1972: "'Papa Gnädig' ist tot".

2 Vgl. "Die Welt" vom 16.12.1972: "Deutschlands beliebtester Fernsehrichter kannte seine Pappenheimer. 'Papa Gnädig' ist tot". Der Artikel würdigt u.a. Sommerkamp in der Rolle des Fernsehrichters in 33 Sendungen.

3 Vgl. "Amtgerichtsdirektor Dr. Sommerkamp 65 Jahre" in: "Hamburger Anzeiger" Nr. 42 vom 18./19. Februar 1956; Artikel in "Die Welt" Nr. 42 vom 18.2.1956; Artikel "Verdienter Richter" in "Die Welt" vom 29.11.1956, S. 7; Dr. Hildegard Damrow: "Sechs Weihnachtskarten und ein Päckchen Lametta" in "Hamburger Abendblatt" vom 29.11.1956, S. 3; Gerd Scharnhorst: "Sein letzter Prozeß. Amtsgerichtsdirektor Dr. Sommerkamp tritt in den Ruhestand" in: "Welt am Sonntag" Nr. 9 vom 1.3.1959, S. 17; "Papa gnädig" in: "Hamburger Abendblatt" Nr. 50 vom 28.2./1.3. 1959, S. 1 (Rubrik "Menschlich gesehen"); Karl Heinz Christiansen: "Ein hanseatischer Richter. Amtsgerichtsdirektor Dr. Sommerkamp trat in den Ruhestand" in "Die Welt", Nr. 51 vom 2.3.1959, S. 5; "Deutschlands beliebtester Fernsehrichter kannte seine Pappenheimer. 'Papa Gnädig' ist tot" in "Die Welt" vom 16.12.1972.

4 Vgl. Dr. Hildegard Damrow: "Sechs Weihnachtskarten und ein Päckchen Lametta" in "Hamburger Abendblatt" vom 29.11.1956, S. 3.

5 Vgl. "Amtgerichtsdirektor Dr. Sommerkamp 65 Jahre" in "Hamburger Anzeiger" Nr. 42 vom 18./19. Februar 1956; Artikel in "Die Welt" Nr. 42 vom 18.2.1956, S. 7; Dr. Hildegard Damrow: "Sechs Weihnachtskarten und ein Päckchen Lametta" in "Hamburger Abendblatt" vom 29.11.1956, S. 3.

6 Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Staatsanwaltschaft. Landgericht. Strafsachen: Rep. 213-11: 2141/38

7 Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Staatsanwaltschaft. Landgericht. Strafsachen: Rep. 213-11: 2151/37 und 4555/37.

8 So betr. G.E. und R.L. Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Staatsanwaltschaft. Landgericht. Strafsachen. Rep. 213-11: 709/38 und 436/37.

9 So bei H.L., H.N., F.G. in Staatsarchiv Hamburg: Staatsanwaltschaft. Landgericht. Strafsachen: Rep. 213-11: 1100/37, 79707/37, 710/38.

10 Vgl. die Akte G.P. in Staatsarchiv Hamburg: Staatsanwaltschaft. Landgericht. Strafsachen: Rep. 213-11: 9210/37.

© Dr. Gottfried Lorenz, 30.3.2008