Clayton Whisnant: Zwischen Verfolgung und Freiheit. Homosexuelle Männer in Hamburg in den langen fünfziger Jahren. In: Zeitgeschichte in Hamburg. Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Hamburg 2007. S. 57-73.



Whisnants Dissertation Hamburg's Gay Scene in the Era of Family Politics, 1945-1969 (Phil.
Diss. University of Texas, Austin, 2001) habe ich unmittelbar nach ihrer Fertigstellung gelesen. Ihr Materialreichtum hat mich beeindruckt. Ohne alle Schlußfolgerungen Whisnants zu teilen, sehe ich in ihr einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des homosexuellen Lebens in der Hansestadt Hamburg.
Bedauerlicherweise ist diese Arbeit weniger rezipiert worden, als sie verdient. Dies liegt vermutlich daran, daß sie bisher nicht gedruckt worden ist und nicht in deutscher Sprache vorliegt.
Dies aber gilt nicht nicht für den jüngsten Artikel des amerikanischen Wissenschaftlers mit dem englischen Titel Between Persecution and Freedom: Hamburg's Gay Scene in the 'Golden 50s, der in deutscher Übersetzung im Band Zeitgeschichte in Hamburg 2007 erschienen ist.

Whisnants darin geäußerte These von drei Phasen der Hamburger Politik gegenüber homosexuellen Männern zwischen 1945 und 1969 kann ich nur bedingt folgen. Seine Ansicht, wonach während einer ersten Phase, d.h. unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg bis Anfang der 50er Jahre, in Hamburg gegenüber Homosexuellen ein besonders liberales Klima geherrscht habe, halte ich für sehr problematisch.
Whisnant verweist auf zwei Narrative in den Äußerungen der Zeitzeugen - das der Unterdrückung und das der Befreiung. Daß Einschätzungen von Zeitzeugen mit Vorsicht begegnet werden muß, ist eine Binsenwahrheit: Allzu stark fallen bei Zeugen aller Art die rein persönliche Sichtweise und die generelle Problematik des Sich-Erinnerns ins Gewicht. So gibt es eine Reihe Äußerungen homosexueller Männer, wonach sie während der NS-Zeit keinerlei Repressionen ausgesetzt gewesen seien und ihre sexuelle Veranlagung in HJ und Wehrmacht hätten ausleben können. Niemand wird diesen Männern ihre persönliche Erinnerung absprechen wollen. Und doch ist unbestritten, daß während der NS-Zeit homosexuelle Handlungen unnachsichtig verfolgt worden sind.
Ähnlich ist die Stereotype vom liberalen Hamburg zwischen 1945 und Anfang der 50er Jahre zu sehen.
Whisnant weist zu Recht auf das sogenannte "3-Mark-Urteil" des Hamburger Landgerichtsdirektors Valentin von 1951 hin. Doch sagt er nicht, daß dieses Urteil die absolute Ausnahme war und keine Folgen in der juristischen Ahndung homosexueller Handlungen durch die Hamburger Justiz hatte. (Überdies gab es in Hattingen/Ruhr ein Gericht, daß viel radikaler als Valentin den § 175 StGB in Frage gestellt hatte, indem es einen Angeklagten trotz Verstoßes gegen den einschlägigen Paragraphen freisprach - ein Urteil, das freilich in der zweiten Instanz keinen Bestand hatte.)

Das "3-Mark-Urteil" wurde in einem Berufungsverfahren gesprochen. Das ursprüngliche Hamburger Urteil war für die beiden Angeklagten hart ausgefallen. Dasselbe gilt für die Urteile Hamburger Richter gegen die beiden Männer, die Anfang der 50er Jahre das Bundesverfassungsgericht anriefen, weil sie in ihrer Verurteilung nach § 175 einen Verstoß gegen das Grundgesetz sahen.
Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich die Verfolgung von Homosexuellen durch die Hamburger Polizei und Justiz fort:
Intensiv geforscht wurde nach dem Verbleib von Homosexuellen, die zu Sicherungsverwahrung verurteilt worden waren.
Anträge homosexueller Männer auf Wiederaufnahme ihrer Verfahren in der NS-Zeit wurden durchweg abgelehnt (Fälle Pannier, Schmill)
Das Strafmaß war nach 1945 nicht geringer als vorher.
Leo Clasen, Verfasser wichtiger Berichte über das Schicksal der Rosa-Winkel-Häftlinge im KZ Sachsenhausen, geriet schon 1946 wieder in das Räderwerk der Hamburger Justiz.
Die Hamburger Polizei beobachtete intensiv die Homosexuellen. Daß sie nicht immer hart gegen sie vorgehen konnte, lag an Personalmangel und Kompetenzstreitigkeiten mit der Besatzungsmacht und nicht am Wollen.
Die Hamburger Polizei verhinderte die Gründungsversammlung einer Homosexuellen-Organisation.
Clayton Whisnants Verweis auf Jennifer Evans Forschungen zu Berlin sind wegen der besonderen Situation Berlins (Viermächteverantwortung) auf Hamburg nicht übertragbar.

Aus den genannten Gründe halte ich es nicht für möglich, in Hamburg unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg eine besonders liberale Stadt zu sehen.
© Dr. Gottfried Lorenz, 19.4.2008.