Jonathan Littell

Die Wohlgesinnten


Berlin Verlag. Berlin 2008

Originalausgabe: Les Bienveillantes
Éditions Gallimard. Paris 2008



Jonathan Littells Buch ist keine historische Abhandlung, sondern ein literarisches Werk, von dem keine über die historische Forschung hinausgehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse erwartet werden können.
Littell kennt und nutzt die Fachliteratur zum Nationalsozialismus und befindet sich beim Abfassen des Romans auf dem neusten Stand der Forschung. Und dies ist auch für das Spezialgebiet der Geschichte der Homosexuellen in Deutschland während des Nationalsozialismus zu unterstellen.

Daß Littell dessen ungeachtet seine Hauptperson Max(imilian) Aue homosexuell sein läßt, ist deshalb problematisch, weil er damit das Klischee vom "schwulen Nazi" wiederbelebt, das seit dem Ende der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit nicht nur die Einstellung der deutschen politischen Linken und Emigration geprägt hatte. Erinnert sei an an das von Maksim Gorkij zitierte Wort: "Rottet die Homosexualisten aus - und der Faschismus verschwindet" (1).

Max Aues Satz "und so entschloss ich mich, den Arsch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten" (2), ist nicht nur flapsig, sondern widerspricht in dem Zusammenhang, in dem er geäußert wird, der Erfahrung Tausender Männer, die wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen in das Räderwerk von Polizei und Justiz geraten waren. Daß Aue nach Festnahme und Vernehmung das Polizeigebäude als freier Mann verlassen kann, verdankt er ausschließlich dem Interesse des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS an seiner Mitarbeit im NS-Staat und ist die Ausnahme von der Regel, die für einen Mann, der in Verdacht stand, gegen § 175 StGB verstoßen zu haben, Vorbeugehaft und Freiheitsstrafe, gegebenenfalls Ausschluß aus der NSDAP, das Ende der Karriere und sozialen Abstieg bedeutete.
Littell weiß das alles: Denn er läßt Aues Retter Dr. Thomas Hauser über den Kriminalrat Meisinger und dessen Maßnahmen gegen Homosexuelle im Rahmen der "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung", über Himmlers Abneigung gegen Homosexuelle und über den Vorschlag des NS-Rechtshistorikers Eckhardt, Homosexuelle wie bei den Germanen im Moor zu versenken, sprechen (3).

Zuvor schon hatte sich Aue an die Dissertation von Rudolf Klare erinnert, die er während des Studiums zu rezensieren gehabt hatte. Zitiert wird Klares Typologie homosexueller Praktiken mit ihren 9 Stufen gleichgeschlechtlichen Verkehrs vom bloßen begehrlichen Blick bis zu Oral- und Analverkehr (4).
Mit Klare und Eckhardt bezieht sich Littell auf zwei der homophobsten Theoretiker des NS-Regimes.
Und Littell weiß auch von der Gefährdung eines SS-Mannes, über dessen sexuelle Orientierung einschlägige Gerüchte im Umlauf sind: Vom "gut gemeinten" dringlichen Rat Himmlers, endlich zu heiraten (5), bis zu Konflikten mit SS-Kameraden, die Aue eine gleichgeschlechtliche Beziehung zu einem im Auftrag der Wehrmacht arbeitenden Sprachwissenschaftler unterstellen, um ihn loszuwerden (6). Die Person, die Aue vor den Machenschaften seiner Gegner warnt, spricht von "Gerüchten, die...sagen wir, gefährlichen Gerüchten. Die Art Gerüchte, die einen direkt ins Konzentrationslager bringen" (7).

Ina Hartwig (8) hat an Hand von Jean Genets Buch "Das Totenfest" aufgezeigt, wie Littell literarische Vorbilder benutzt: er verharmlos und trivialisiert sie.
Ein weiteres Beispiel möchte ich hinzufügen: Während seines Genesungsurlaubs in Jalta lernt Aue einen jungen SS-Offizier kennen, den er nach allen Regeln des Stereotyps vom homosexuellen Verderber der Jugend verführt. Er gibt ihm Platons "Gastmahl" zu lesen, macht ihn mit männerbündischen Ideen vertraut und vertritt die Ansicht, daß die homosexuellenfeindliche nationalsozialistische Politik auf Restbeständen jüdisch-christlicher Vorstelllungen beim nationalsozialistischen Führungspersonal katholischer Herkunft beruhe und in absehbarer Zeit überwunden werde (9).
Der junge SS-Offizier heißt Partenau. Denselben Namen trägt die Titelfigur und Hauptperson eines 1929 erschienenen Romans von Max René Hesse.
Partenau ist in Hesses Buch der ältere, gebildete, vorbildliche Offizier, der sich zu dem Oberfähnrich Stefan Kiebold hingezogen fühlt, diesem Platons "Gastmahl" nahebringt und bei ihm auf Sympathie stößt. Als Kiebold nicht bereit ist, zusammen mit seinem älteren Freund der homophob geprägten Gesellschaft Paroli zu bieten, erschießt sich Partenau.
Littells Darstellung aber bleibt im Vordergründigen stecken. Seine Hauptfigur begnügt sich damit, den jüngeren Kameraden "herumzukriegen" und mit ihm eine Reihe sexueller Begegnungen zu haben. Aues Tenor lautet: "ich habe mir oft gesagt, dass die Prostata und der Krieg die beiden Gaben sind, mit denen Gott den Mann dafür entschädigen wollte, keine Frau zu sein." Die Abreise des jungen SS-Offiziers an die Front und sein Tod ein Jahr später berühren Aue nicht (11).

An einer anderen Stelle paraphrasiert Littell eine Passage der homophoben Erzählung Der Zug war pünktlich von Heinrich Böll. Dieser Text zeigt viel Verständnis für Trinker, Frauenhelden, Bordellbesucher, für viele allzu menschliche Schwächen - nur nicht für homosexuelles Verhalten. Ein schwuler Soldat, "der Blonde" genannt, wird als unangenehme Person geschildert, als jemand, vor dem man sich ekelt. Seine Augen sind nicht klar, sondern gerötet, als sei er geschlechtskrank. Und im Bordell schläft er ein!
Littell verwendet in seinem Roman nur die primitivste Szene des Böll-Textes, die Bordellszene. Diese ändert er dahingehend, daß nicht Aue einschläft, sondern dieser die ihm zur Verfügung gestellte übermüdete Prostituierte nicht anrührt und in Ruhe schlafen läßt (12).
Daß Littell ausgerechnet Böll paraphrasiert, spricht nicht für seine Behauptung, die er in der Zeitschrift Vanity Fair formuliert: er habe Aue homosexuell sein lassen, um in ihm einen Erzähler zu haben, der aus einer Außenseiterposition die nationalsozialistische Gewaltpolitik als Täter gestalte, erlebe und formuliere (13), weshalb Theweleit von der funktionalen Homosexualität Aues spricht (14). Um die Verbrechen des NS-Regimes zu schildern, hätte es eines solchen Mediums nicht bedurft.
Der Verdacht liegt nahe, daß Littell selbst homophob geprägt ist. Dafür sprechen die Art der Schilderung der Verführung Partenaus durch Aue, die Böll nachempfundene Bordellszene, der nicht überzeugend motivierte Mord an einem Sexualpartner (dem Dritten Legationssekretär in der rumänischen Botschaft Mihai) (15) und auch die saloppe Verwendung des im Deutschen ungebräuchlichen Wortes Pipel (16) für die männlichen Geliebten ("Bubis", "Pup(p)enjungen") der Kapos in einem Konzentrationslager.

Ein Wort zu dem Wortwechsel zwischen Daniel Cohn-Bendit und Jonathan Littell im "Berliner Ensemble" am 29. Februar 2008: Auf eine Frage Cohn-Bendits nach Aues Homosexualität antwortete Littell: "Sind Sie sicher, dass er homosexuell ist?" (17)

Littells Gegenfrage verlangt eine differenzierte Anwort. Daß Aue homosexuell ist, läßt sich durchaus bestreiten. Unbestritten aber schildert Littell seine literarische Hauptgestalt Max Aue als Homosexuellen in Berlin, wo er in der Nähe des Zoos am Neuen See Sexualpartner sucht und findet; an der Front, wo er vom gleichgeschlechtlichen Verkehr mit seinem Burschen träumt und mit diesen Bildern im Kopf onaniert; in Jalta in seiner Beziehung zu Partenau; in Paris und wiederum in Berlin, wo er mehrfach mit einem rumänischen Legationsrat sexuelle Kontakte hat (18).
Aue zieht nach eigenem Bekunden Zufallsbegegnungen vor; er unterhalte sich nicht gern mit seinen Sexualpartnern. Und an anderer Stelle heißt es: "Ich gehe nie Beziehungen zu meinen Geliebten ein. Freundschaft ist etwas anderes" (19).

Andererseits ist dieses homosexuelle Verhalten auch Ausdruck eines Traumas: In der Aduleszenz hatte Aue eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester. Diese begehrt er auch später heftig, ohne daß sie ihm entgegenkommt. In seiner Phantasie sieht sich Aue beim homosexuellen Geschlechtsakt, bei dem er stets der passive Teil ist und sich Vergewaltigungsphantasien hingibt, gleichsam als seine Schwester. Zu Beginn des Romans sagt Aue von sich selbst, er wäre "lieber eine Frau gewesen...eine nackte Frau, die auf dem Rücken liegt, die Beine spreizt, vom Gewicht eines Mannes erdrückt wird, sich an ihn klammert, von ihm durchbohrt wird, in ihm zerfließt..."(20).
In der Ehe, die Aue nach dem Krieg in Frankreich aus konventionellen und utilitaristischen Gründen eingeht, erfüllt er seine ehelichen Pflichten "mit wenig Lust, aber auch ohne übermäßigen Ekel, um den häuslichen Frieden aufrechtzuerhalten" (21).

Ohne Littells Buch als gesamtes Werk in Frage zu stellen: Die Konstruktion der Hauptperson Max Aue als eines durch Inzest mit seiner Schwester traumatisierten (Wahl)Homosexuellen und "schwulen Nazis" empfinde ich als antiaufklärerisch, als antiemanzipativ und somit als Gegenentwurf zu den Bestrebungen der Schwulenbewegung. Daß Schwulenbuchhandlungen dieses Buch ausdrücklich empfehlen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

1. Vgl. Jörn Meve: "Homosexuelle Nazis" Ein Stereotyp in Politik und Literatur des Exils. MännerschwarmSkrift Wissenschaft. Hamburg 1990. S. 45.

2. Vgl. S. 107.

3. Vgl. S. 103-106.

4. Vgl. S. 98.
Vgl. Rudolf Klare: Homosexualität und Strafrecht. Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg und Wandsbek 1937.
Entwickelt worden ist diese Typologie von Johannes Nagler zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Während Klare auf Nagler verweist, unterläßt dies Littell.

5. Vgl. S. 1038.

6. Vgl. zu der gegen Aue gerichteten Intrige von SS-Offizieren S. 383, 403-407, 450, 452, 466, 468, 470f., 484, 497.
Littell benötigt diese Affäre, um Aue aus einem relativ sicheren Frontabschnitt ins umkämpfte Stalingrad versetzen zu lassen: vgl. S. 470.

7. Vgl. S. 382.

8. Ina Hartwig: Einführung in die Täter des Holocaust. In: Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 2008.

9. Vgl. S. 268f., 273f., 276-284, 289.

10. Max René Hesse: Partenau. Verlag Rütten und Loening. Frankfurt am Main 1929 sowie Verlag Hans Dulk. Hamburg 1952.

11. Vgl. S. 284, 289.

12. Vgl. S. 668f.
Heinrich Böll: Der Zug war pünktlich. Friedrich Middelhauve Verlag. Köln 1949.

13. Vgl. Oliver Seppelfricke: Keine Psychopathen. In: Vanity Fair Online. Februar 2008.

14. Klaus Theweleit: Wem gehört der SS-Mann? In: taz de. 28.2.2008.

15. Vgl. S. 1322f.

16. Vgl. S. 1231.

17. Vgl. Harry Nutt: Littell. Frankfurter Rundschau online 2008
Elke Biesel: Die Nazis waren kitschig. In: Kölner Stadt-Anzeiger. Internet-Ausgabe vom 29.2.2008.

18. Vgl. S. 97-99; 235f.; 268f., 273, 276-284, 289; 701, 713-715, 719; 1163f., 1167f.; vgl. auch S. 22.

19. Vgl. S. 98, 383.

20. Vgl. S. 37.

21. Vgl. S. 21f.
© Dr. Gottfried Lorenz, 19. 4. 2008.