Oscar Moore

Verglüht


Originalausgabe: Alec F. Moran (Oscar Moore)

A Matter of Life and Sex

Verlag Paper Drum.
London 1991




Oscar Moore's Roman A Matter of Life and Sex ist ein deprimierendes Buch über die durch Drogen und Aids verlorene Schwulengeneration der 80er Jahre in New York, London und - könnte man hinzufügen - in Deutschland und Frankreich.

Das promiskuitive Leben der Homosexuellen im Zuge der zunehmenden sexuellen Befreiung seit dem Stonewall-Aufstand am 28.6.1969 sieht sich zehn Jahre später mit einer Katastrophe konfrontiert, der Krankheit Aids.

Diejenigen Kapitel, die breit das Leben und die Vorgänge in der Londoner und New Yorker Schwulenszene schildern, lassen an Felice Picanos Roman The Lure (Der Köder) von 1979 denken.

Moore schreibt kenntnisreich pornographisch. Er verdeutlicht, daß in den schwulen Klubs nicht nur Sex, sondern in erheblichem Maße der Konsum unterschiedlicher Drogen eine Rolle spielt. Das gesamte Denken ist darauf gerichtet, diese Drogen zu beschaffen, um beim Sex einen noch höheren Kick zu erleben, bis schließlich nur noch die Drogensucht im Vordergrund steht und Sex nicht mehr möglich ist.
Um die Überwindung der politischen und gesellschaftlichen Diskriminierung der Homosexuellen geht es in Moore's Roman keinem der Protagonisten - und dies ist der Unterschied zu Felice Picanos aufklärerischem Kriminalroman. Die schwule Szene, die Moore schildert, ist ein sich selbst genügendes Ghetto.

Desillusionierend ist überdies, daß sich zwischen den Männern der "Gay Community" keine Freundschaften entwickeln. Wohl gibt es gemeinsame Interessen - Sex zu haben, Drogen zu erwerben - aber anhaltende menschliche Beziehungen, die über gemeinsamen Sex und Drogenkonsum hinausreichen, entwickeln sich kaum. Und wenn sie sich anzubahnen scheinen, werden sie zerstört durch Seitensprünge, durch Lügen und ein Leben auf Kosten des Partners.

Den Kontrast zu den Passagen über die schwule Szene bilden die Teile des Romans, in denen der Verfasser vom Leiden und Sterben an Aids erkrankter Männer berichtet.


Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht Hugo Harvey. Er stammt aus einer intakten Mittelstandsfamilie mit dominanter Mutter und wächst in einem Londoner Vorort auf.

Moore stellt dar, was in einem pubertierenden Jungen vor sich geht, der sich seiner Sexualität und homosexuellen Veranlagung bewußt wird. Der Verfasser zeichnet ihn als Getriebenen, beschreibt seine Sucht, Klappen aufsuchen zu müssen, schildert die "Klappenkultur" mit ihren Verwerfungen und Problemen.
Das Interieur der Klappen, die Inschriften, Sprüche und Zeichnungen an den Wänden, das Verhalten der Männer, die eine sexuelle Begegnung suchen, werden authentisch beschrieben und geschildert. Dem informierten und bewanderten Leser ist das, was er liest, nicht fremd.

Hugo ist ein intelligenter Junge mit schwieriger Persönlichkeitsstruktur. Er ist phantasiebegabt, aber auch von Grund auf unehrlich (und nicht nur verlogen). Hugo stiehlt, macht Schulden, die er nur gelegentlich zurückzahlt; er spielt sich auf, löst die in sich selbst gesetzten Erwartungen nicht ein.
Hugo findet zwar "Kumpel" oder "Kumpane", aber nur selten Freunde, die er dann über kurz oder lang vor den Kopf zu stoßen pflegt.

Über Männer, die er als Schüler auf Klappen kennenlernt, kommt er mit Pornographie in Berührung, auch erwirbt er dort erste Erfahrungen als Strichjunge.
Als Student ist Hugo kurzzeitig Pornodarsteller und bald darauf Callboy. In beiden Jobs kommt er aber nicht wirklich groß heraus: Einerseits hat er nicht die von Pornostars erwartete muskulöse Statur, andererseits ist er als Prostituierter nicht professionell genug, um sich von unangenehmen Kunden nicht provozieren zu lassen.

Von früh auf greift Hugo zu Drogen: zunächst zu Tranquilizern und Alkohol, dann zu Haschisch, Designerdrogen, Kokain und eine Zeit lang zu Heroin.

Irgenwann und irgendwo hat sich Hugo infiziert, ist HIV+.

Kurz nachdem Hugo beruflich als Journalist Fuß gefaßt zu haben scheint, bricht bei ihm Aids aus; wenige Monate später ist er tot.

Der Leser begegnet Hugo Harvey in London im Elternhaus, in der Schule und auf Klappen, weiterhin auf Reisen in Italien und Paris und auf Besuch in Ney York, vor allem aber in einem Londoner Krankenhaus, in dem er schließlich stirbt.

Die Erzählstruktur des Romans ist kompliziert: Rückblenden, Vorausschau, eingefügte Briefe von Hugo und von Menschen, die mit ihm zu tun hatten und die sich über ihn Sorgen machen, lösen einander ab.

Wesentliche Teile des Romans bestehen aus den Erinnerungen des todkranken Hugo an Stationen seines Lebens, an seine zahlreichen schwulen Bekannten, die in hohem Maße bereits an Aids gestorben sind, an die Freundin Cynthia, an seinen Vater und seine Schwestern und an die dominante, harte, alles kontrollieren und "im Griff haben" wollende Mutter, der doch vieles entgleitet.

Innerhalb der zahlreichen Rückblenden und in Hugos Fieberphantasien erzählt Moore weitgehend chronologisch.

Beeindruckend in Moore's Roman ist die Authentizität dessen, was er schildert, seien es das Klappen-, das Stricher- und Callboy-Milieu, seien es die Schwulenszenen in London und New York oder das Siechtum der an Aids zugrunde gehenden jungen Männer zwischen 20 und 30 Jahren.
© Dr. Gottfried Lorenz, 20.6.2008