Vladimir Sorokin

Der Tag des Opritschnik


Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2008

Originalausgabe: Den' Opricnika

Verlag Zacharov. Moskva 2006.

Übersetzung: Andreas Tretner




Rußland im Jahr 2027: Ein autoritär-autokratisches, russisch-orthodox geprägtes Regime beherrscht ein rohstoffreiches wohlhabendes Land.
Nach Osten grenzt es an die Industrie- und Wirtschaftsmacht China, das Rußland mit hochwertigen und interessanten Waren aller Art versorgt und dessen Herrscher mit seinem russischen Kollegen in gutem Einvernehmen steht. Doch schließt dies Grenzzwischenfälle, verursacht von untergeordneten, korrupten "Staatsdienern" nicht aus. Dabei geht es in der Regel um die Gewährung von Transitgenehmigungen und Warenzölle.

Vom dekadenten, sich im Stadium des Verfalls befindlichen Westen ist Rußland durch eine unüberwindliche "Große Mauer" getrennt. Die Russen haben durch "freiwilliges Verbrennen" ihrer Reisepässe auf die Möglichkeit verzichtet, ihr Land zu verlassen.

Regiert wird Rußland von einem "Gossudaren" (russisch gosudar': Monarch) und einer kleinen oligarchischen Führungsschicht, die sich zur Durchsetzung und Erhaltung ihrer Macht einer Kampftruppe, der "Opritschina" bedient (Bezug auf die gleichnamige Polizeitruppe des Ivan Groznyj). Deren Angehörige, die Opritschniki, terrorisieren auf höheren Befehl die Bewohner Rußlands: sie morden, brandschatzen, vergewaltigen die Frauen der "Staatsfeinde". Beschrieben werden sie von Sorokin als Mischung aus SS und Stasi; von beiden unterscheiden sie sich lediglich durch ihre orthodoxe Frömmigkeit. Das für sie verbindliche Feindbild besteht in "Unflat und Unglauben", in "den elenden Cyberpunks, den Sodomiten und Katholiken und Melancholiken und Buddhisten und Sadisten und Satanisten und Marxisten und Megaonanisten und Faschisten und Pluralisten und Atheisten" (S. 211).

Die Opritschniki bereichern sich aus eigener Initiative und werden vom Staat reich beschenkt aus dem Vermögen der abgestraften und ermordeten "Staatsfeinde" mit Grundstücken, Häusern und Gold.
Verboten sind ihnen Flüche, erlaubt aber sind die meisten Drogen und sexuelle Ausschweifungen, seien sie heterosexueller oder homosexueller Art: In einer längeren Szene (S. 195-201, vgl. auch S. 185) schildert Sorokin, wie die Männer des engsten Kreises der Opritschnina in der Sauna von deren Befehlshaber eine Orgie veranstalten, bei der sie eine Schlange bilden und jeweils einen "Bruder" penetrieren und selbst penetriert werden. Und zu Beginn des Buches wird breit die Vergewaltigung der Frau eines wohlhabenden und ehemals einflußreichen Geächteten und Ermordeten durch die Opritschniki geschildert (vgl. S. 30-35; S. 32: "Es ist ein gutes Gefühl, deinen Samen in den Schoß von deines Feindes Weib zu hinterlassen. Des Feindes deines Vaterlandes".

Frauen haben in diesem Staat lediglich eine dienende Funktion. Sie sind Sexualobjekt - sei es als Gattinnen der Oligarchen, sei es als williges Personal der Opritschniki.

Sorokins Text ist stringent erzählt. Fast möchte man ihn als Novelle bezeichnen.
Das geschilderte Schreckensregime des "Gossudaren" läßt an diejenigen Ivans des Schrecklichen (Ivan Groznyj), Peters des Großen (Petr Velikij), Lenins und Stalins, aber auch an die zahlreichen politischen Morde und politischen Prozesse im Rußland Putins denken. Wer sich in der russischen Literatur und Geschichte auskennt, wird die Fülle der literarischen, historischen und politischen Anspielungen des Textes schätzen und sie einordnen können.

Erzählt wird aus der Sicht eines der brutalsten Täter, des Opritschniks Andrej Danilowitsch Komjaga.

Der vernichtenden Kritik des Romans "Der Tag des Opritschniks" durch Evelyn Finger ("Das Iwan-Klischee", in: Zeit online 10/ 28.2.2008 S. 60) kann ich nicht folgen; sie ist mir unverständlich und offenbart einen Mangel an Einfühlvermögen in totalitäre Strukturen.

© Dr. Gottfried Lorenz 28.6.2008