Mikael Niemi
* 1959

Populärmusik aus Vittula

Übersetzung von Christel Hildebrandt


btb Verlag. München 2002

Schwedische Originalausgabe: Populärmusik från Vittula

Norstedts Förlag. Stockholm 2000





Um kein Mißverständis aufkommen zu lassen: ich halte Mikael Niemis Roman Populärmusik aus Vittula für lesenswert.
Nicht verstehen kann ich jedoch, dass er es in die Auslagen schwuler Buchläden gebracht hat.

Das Wort Vittula im Titel ist die Verkürzung der Siedlungsbezeichnung Vittulajänkkä und bedeutet isoliert nichts anderes als Fotze , nicht etwa euphemisierend Muschi oder fachsprachlich Vagina (S. 12).

Und um Fotzen geht es mehrfach in diesem Buch. Ihnen gilt das Interesse erwachsener Männer wie pubertierender Jungen, der Teenager-Mädchen wie erwachsener Frauen. Und Matti, Ich-Erzähler und Protagonist des Romans, hat als Dreizehnjähriger erste Erfahrungen mit der Fotze einer erwachsenen Frau (S. 159f.) und mit fünfzehn den ersten Geschlechtsverkehr mit einem älteren Mädchen in einem halböffentlichen Raum (S. 271-273).

Homosexuelle Vorstellungen spielen dagegen in diesem Roman kaum eine Rolle: der Außenseiter Ryssi-Jussi bevorzugt Frauenkleider, ähnelt in seiner Erscheinung und Ausstrahlung einem Schamanen (vgl. S. 123-133); Hans wird in der Schule als Schwuler gemobbt und kann erst später in Stockholm frei als Homosexueller leben.

Der Satz Dann beugte ich mich vor und küsste seinen salzigen
Jungenmund
(S. 96, vgl. auch den letzten Satz des Romans auf S. 304) ergibt sich aus der Frage von Mattis Freund Niila, wie denn das abgelaufen sei, als ein "älteres", ein mindestens vierzehnjähriges Mädchen kurz vorher Matti einen Zungenkuss gegeben hatte. Matti und Niila sind zu diesem Zeitpunkt zehn, elf Jahre alt!

Im Zusammenhang mit Niemis Roman von "latenter Homosexualität" zu sprechen, wie dies adamruuth am 7. Januar 2004 auf einer schwedischen Rezensionsseite (www.boksidan.net) tat, kann ich nicht nachvollziehen.

Niemi hat einen Entwicklungsroman zweier Jungen im Alter von fünf bis fünfzehn, sechzehn Jahren geschrieben.
Diese beiden Jungen,Matti und Niila, erkunden ihre Welt. Ihr Kosmos liegt im Nordosten Schwedens, in Norrbotten, in Tornedalen, in Pajala.

Wer dieses Gebiet kennt mit seinen landschaftlichen Schönheiten um den Torneälv, mit seiner finnischsprachigen Kultur, die sowohl schwedisch als auch samisch beeinflußt oder überlagert ist, hat es leichter, die Feinheiten des Buches zu verstehen. Und dies gilt vor allem auch dann, wenn Laestadius und die Laestadianer einem nicht fremd sind, wenn man Kiruna mit LKAB, aber auch die im Ort genannten Orte Gällivare, Haparanda, Lulå, Muodoslompolo, Piteå oder Tärendö kennt und die Entfernungen zwischen ihnen abschätzen kann.

Im vierten Kapitel - Matti und Niila kommen in die Schule - verdeutlicht der Roman nicht nur die Randlage Norrbottens, sondern auch die Diskriminierung dieses Gebietes in schwedischen Lehrbüchern und Atlanten (S. 56-60).
Der Schriftsteller Niemi beschränkt sich dabei auf das, was sein Schulanfänger Matti als Erzähler bemerken und erfahren kann. Die rigorosen Schwedisierungsbestrebungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert kommen nicht zur Sprache, schwingen aber mit, wenn man zwischen den Zeilen zu lesen versteht.

In Kapitel 15 (S. 217-226) wird der pubertierende Matti von seinem Vater während eines Saunagangs aufgeklärt - nicht sexuell (das ist er längst, und das hätte der Vater kaum getan), sondern über die familiären und politischen Fehden und Spannungen in seiner Heimatregion. Es ist eine Initiation in die Erwachsenenwelt und in die Geschichte Norrbottens.
Zur Sprache kommen die Streiks der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts mit ihrem Kampf gegen Streikbrecher, die stetige Auswanderung junger Menschen aus dem Tornedal, die schwedischen Eisenerzlieferungen nach Deutschland während des Zweiten Weltkriegs, während im Norden Finnlands der "Fortsetzungskrieg" tobte, die Stärke der Kommunisten im Tornedal, deren Emigration in die Sowjetunion und ihr Schicksal in den stalinistischen Lagern, bis einige von ihnen nach Schweden oder Finnland zurückkehren konnten, die Spaltung der politischen Linken in Kommunisten und Sozialdemokraten, die Anhänger der Nationalsozialisten, das Denunziatentum während der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die Trennung zwischen den "Frommen" (Laestadianer) und den weniger Frommen ist fast ein Leitthema des Romans. In dieser Spannungssituation mit ihren Auswirkungen auf den Alltag der Menschen wachsen die Kinder und Jugendlichen auf.

Thematisiert werden weiterhin die Gewalt in der Familie, die Kultivierung von Gewalt unter Männern (oft als Mutprobe getarnt), das Mobbing in der Schule gegen alle, die sich irgendwie anders verhalten, vor allem aber der enorme Alkoholkonsum bei Feiern aller Art.

Der Einbruch der Moderne, symbolisiert durch die Populärmusik, d.h. den Rock'n roll, unterstreicht das vorhandene Gewaltpotential, welbst wenn das Erzeugen von Musik als weibisch betrachtet wird.

Nein, eine Idylle ist das schöne Tornedal nicht. Kein Wunder, dass die jungen Menschen ihre Heimat verlassen.

© Dr. Gottfried Lorenz, 5.8.2008