Viktor Arnar Ingólfsson

Bevor der Morgen graut


Verlagsgruppe Lübbe. Bergisch-Gladbach 200

Isländisches Original:

Afturelding

Glæpasaga


Verlag Mál og menning. Reykjavík 2005




In Viktor Arnar Ingólfssons Kriminalroman Bevor der Morgen graut entwickelt sich aus dem "Todesspiel" zweier junger Männer um eine junge Frau eine Tötungsserie, der fünf Menschen zum Opfer fallen.
Drei der Tötungen ereignen sich während der herbstlichen Gänsejagd, wobei sich eine von ihnen als die Tat eines Trittbrettfahrers herausstellt.

Für Homosexuelle ist Viktor Arnar Ingólfssons Roman insofern interessant, als eine der zentralen weiblichen Personen und eine Nebenperson lesbisch bzw. schwul sind.

Der schwule Schriftsteller Emil Edilon hilft dem Ermittler Gunnar, indem er sich um die Lösung der vom Täter gestellten literarischen Rätsel bemüht. Viktor Arnar Ingólfsson greift dabei auf das isländische, in der Edda verbreitete Motiv zurück, mit Hilfe von Rätseln einen Wettstreit auf Tod und Leben zu führen - ein meiner Ansicht nach überzeugender und geglückter Einfall des Autors.

Auslöser des "Todesspiels" ist die lesbische Hördís. Ihr gilt das Interesse der Freunde Leifur und Jóhann, die von Hördís' sexuellen Orientierung nichts wissen. Um sie als "Gewinn" geht es im "Todesspiel".

Hördís ist im Roman positiv geschildert als eigenständige, selbstbewußte junge Frau.
Wegen ihrer lesbischen Veranlagung wird Hördís von religiösen Fundamentalisten abgelehnt und durch deren öffentliche Gebete vor der Wohnung belästigt und diskriminiert.
Außerdem schießt sich die Presse auf sie als Lesbe und Mörderin ein, nachdem das Interesse der Kriminalpolizei vom Täter bewußt auf sie, die sein Werben zurückgewiesen hatte, als Urheberin der Verbrechen gelenkt worden und dies durch Indiskretion bekannt geworden war.

Die homophobe Position der religiösen Fundamentalisten wird ausführlich dargestellt und mit umfangreichen Zitaten aus dem Neuen Testament belegt. Doch distanziert sich der Verfasser durch die Figur des Ermittlers Birkir unmißverständlich von dieser fundamentalistisch-religiösen Haltung.

Der Kriminalroman ist spannend erzählt; seine zahlreichen literarischen Anspielungen bereiten Vergnügen.
Gut ist es, wenn man eine präzise Islandkarte zur Hand hat.

© Dr. Gottfried Lorenz, 24.8.2008